Stell dir vor, dein Körper hätte einen eingebauten Rhythmus. Ein natürliches Fenster, das sich viermal im Jahr öffnet. Die chinesische Medizin nennt diese Fenster Dojozeiten. Und das Mittel der Wahl in diesen Phasen ist so schlicht wie mächtig: Reiscongee.
Seit vielen Jahren arbeite ich mit meinen Patientinnen und Kursteilnehmerinnen mit diesem Prinzip, und erlebe immer wieder, wie viel sich durch eine Woche Reiscongee verändern kann. Nicht etwa radikal, sondern mit der Intelligenz einer Medizin, die den menschlichen Körper seit über 3.000 Jahren beobachtet.
In diesem Artikel erkläre ich dir, was die Dojozeiten sind. Du erfährst, warum Reiscongee in diesen Phasen so wirksam ist. Und du lernst, wie du diese Zeiten bewusst für deine Gesundheit nutzen kannst.
Was sind die Dojozeiten?
Der Begriff „Dojo“ (道場) entstammt dem Buddhismus. Er bedeutet wörtlich „Ort des Weges“. Die beiden Schriftzeichen – 道 (Dào: der Weg) und 場 (chǎng: der Ort) – sind tief in der taoistisch-buddhistischen Philosophie verwurzelt. Diese Philosophie bildet die Grundlage der chinesischen Medizin.
Dojozeiten sind Übergangszeiten zwischen den Jahreszeiten. In ihnen richtet sich der Körper neu aus. Er verarbeitet das Vergangene und bereitet sich auf das Nächste vor.
Es gibt viermal im Jahr eine Dojozeit – jeweils etwa 18 Tage lang:
Winter → Frühling: 27. Januar – 12. Februar
Frühling → Sommer: 27. April – 16. Mai
Sommer → Herbst: 28. Juli – 15. August
Herbst → Winter: 28. Oktober – 15. November
Die Wandlungsphase Erde: Dein inneres Zentrum
Alle Dojozeiten gehören zur Wandlungsphase Erde. Diese Phase steht für Balance und für die Mitte – im Körper wie im Leben. Sie ist das Element, das alle anderen nährt und trägt.
In ihr findet sich der Punkt, an dem Yin und Yang in der Waage sind. Deshalb empfiehlt die TCM, diese Zeiten bewusst zu nutzen für Entlastung, Reinigung und Neuausrichtung.
Milz und Magen: Das Kraftzentrum der Verdauung
Die Mitte in der TCM besteht aus den Organsystemen Milz und Magen. Sie ist weit mehr als ein Verdauungsapparat. Sie ist das Zentrum deiner Energiegewinnung.
Alles, was du aufnimmst, Nahrung, Informationen, Emotionen, muss von deiner Mitte verdaut werden. Die Erde funktioniert dabei wie ein Kochtopf. Je leichter die Kost, desto weniger Energie braucht dein Körper, und desto mehr steht dir für alles andere zur Verfügung.
Die Milz transformiert die Nahrungsessenz und transportiert sie als nährendes Qi nach oben. Wenn sie stark ist, bist du geistig klar, konzentriert und voller Energie. Außerdem ist dein Bindegewebe fest und deine Mitte stabil.
Was passiert, wenn die Mitte überfordert ist? Dann entstehen typische Zeichen einer Mitte-Schwäche: Blähungen, Trägheit, Konzentrationsprobleme, Schwere oder innerlich: Grübeln und das Gefühl, auf der Stelle zu treten. Die Dojozeiten sind der perfekte Moment, um genau das zu korrigieren.
Reiscongee – das Entschlackungselixier der TCM
Reiscongee ist eine dünnflüssige Reissuppe, die seit Jahrtausenden als Heilkost gilt. In China heißt es Congee oder Jook, und in Japan Okayu.
Laut TCM gilt Reiscongee als das Entschlackungselixier schlechthin. Seine Wirkungen sind bemerkenswert vielfältig:
Sättigend, ohne zu belasten: Durch die lange Kochzeit wird die Stärke fast vollständig aufgespalten.
Stärkt das Qi der Mitte: Besonders Jasmin- und Basmatireis wirken direkt aufbauend auf Milz und Magen.Leitet überschüssige Feuchtigkeit aus – ideal bei Blähungen oder Wassereinlagerungen.
Reguliert die Feuchtigkeit in beide Richtungen: trocknet, wo zu viel ist, und befeuchtet, wo zu wenig ist.
Schönheitselixier für die Haut: Reis pflegt in der TCM die Haut von innen heraus.
Darüber hinaus reinigt Reiscongee, was in den vergangenen Monaten im Körper liegen geblieben ist. Die Dojozeit ist das Zeitfenster, in dem diese Korrekturen besonders effektiv greifen. Mehr über die heilenden Eigenschaften des Reiscongees beschreibe ich ausführlich in meinem Buch TCM Your Life.
Warum die Dojozeiten die idealen Fastenzeiten sind
Es ist kein Zufall, dass viele Kulturen weltweit Fastenzeiten an jahreszeitliche Übergänge knüpfen. Der Körper ist in diesen Phasen durchlässiger. Daher ist er sowohl anfälliger für Dysbalancen als auch offener für positive Veränderungen.
In der TCM werden diese Zeiten genutzt, um den Körper auf den klimatischen Faktor der kommenden Jahreszeit vorzubereiten. Wenn du beispielsweise im Winter-Dojo deine Mitte stärkst, ist dein Körper besser gewappnet für den aufstrebenden Wind des Frühlings. Falls du im Sommer-Dojo entlastest, geht dein Verdauungssystem gestärkt in den trocknenden Herbst.
Das Reiscongee-Fasten bedeutet keinen radikalen Nahrungsentzug. Es bedeutet:
- Mindestens zweimal täglich Reiscongee
- Gedünstetes Gemüse und Saisonobst als Ergänzung
- Verzicht auf alles, was die Mitte belastet: Tierische Produkte, Kaffee, Alkohol, Zucker, Brot, Rohkost, Fertiggerichte
- Warme Flüssigkeit, Kräutertees, Bewegung und bewusste Entspannung
Die meisten meiner Kursteilnehmerinnen berichten schon nach zwei bis drei Tagen: Das Gefühl von Leichtigkeit kehrt zurück. Der Kopf wird klarer. Der Bauch entspannt sich. Außerdem verbessert sich der Schlaf deutlich.
Besonders wirksam: Warum Frauen so stark profitieren
Die TCM betrachtet den weiblichen Körper in einem besonders engen Zusammenhang mit der Wandlungsphase Erde. Das liegt nicht an einer weiblichen Schwäche, ganz im Gegenteil. Es liegt daran, dass die weibliche Physiologie in einem direkten Bezug zur Mitte steht.
Milz und Magen sind für die Produktion und den Transport des Blutes zuständig. In der TCM ist das Blut – das Xue – der Nährstoff des weiblichen Zyklus. Deshalb zeigt sich eine schwache Mitte häufig in: Menstruellen Beschwerden, unregelmäßigen Zyklen, PMS und Blutungsstörungen.
Reiscongee baut das Blut auf. Es ist eine der direktesten Methoden, die blutbildende Funktion der Mitte zu unterstützen – und entlastet gleichzeitig die Verdauung.
Hormone, Leber und die Verbindung zur Mitte
Die Leber ist in der TCM für den freien Qi-Fluss und die Regulation der Hormonspiegel zuständig. Sie ist eng mit der Mitte verbunden. Eine überlastete Mitte verhindert, dass die Leber ihre Aufgabe erfüllen kann.
Das Resultat: Hormonschwankungen, PMS, Stimmungstiefs, Schlafprobleme, Heißhunger auf Süßes. Wenn du in den Dojozeiten die Mitte entlastest, gibst du deiner Leber Raum zur Regeneration. Viele Frauen berichten danach von einer merklichen Verbesserung ihrer nächsten Periode mit weniger Schmerzen und mehr Wohlgefühl.
Bindegewebe, Faszien und die Kraft der Mitte
Das Bindegewebe gehört zur Wandlungsphase Erde. Es hält alles an seinem Platz – Organe, Muskeln, Gefäße. Wenn die Mitte schwach ist, wird das Bindegewebe schläfrig: Cellulite, Wassereinlagerungen, Schwellungen, Besenreiser.
Reiscongee-Fasten stärkt die Mitte und damit das gesamte Bindegewebe. In Kombination mit Qi Gong oder Yoga ist das eine der wirkungsvollsten Methoden, um dem Körper von innen heraus Stabilität zurückzugeben.
Besonders in den Wechseljahren gewinnt die Pflege der Mitte an zentraler Bedeutung. Regelmäßiges Reiscongee-Fasten in den Dojozeiten ist hier eine der sanftesten und zugleich wirksamsten Präventionsmaßnahmen der TCM.
Das Grundrezept: Reiscongee selbst kochen
Nimm Jasmin- oder Basmatireis – beide sind am wenigsten mit Arsen belastet. Spüle ihn gut ab und weiche ihn etwa 10 Stunden ein. Das reduziert die Arsenbelastung zusätzlich.
Dann kochst du ihn im Verhältnis 1:10 mit Wasser in einem großen Topf. Bei gelegentlichem Rühren lässt du das Congee zwei bis vier Stunden köcheln – bis die Körner aufgeplatzt sind und eine seidige Suppe entstanden ist.
Du kannst es für zwei bis drei Tage vorkochen und im Kühlschrank aufbewahren. Das macht die Fastenzeit praktisch alltagstauglich.
Was du dazu kombinierst
Zum Congee isst du gedünstetes Gemüse der Saison. Morgens eignet sich leicht gedünstetes Obst mit Kokosfett und Zimt wunderbar. Darüber hinaus sind Hülsenfrüchte wie Linsen sind erlaubt, wenn du mehr Substanz brauchst.
Trinke warmes Wasser und Kräutertees – Brennnessel, Schafgarbe, Melisse, Ingwer.
Was du weglässt
Zur Entlastung verzichtest du auf: Tierisches, Brot, Zucker, Kaffee, Alkohol, Rohkost und Fertiggerichte. Das klingt streng, aber wenn du es für fünf bis sieben Tage wirklich konsequent durchhältst, wirst du spüren, was dein Körper davon hält.
Ich habe das von Hunderten von Teilnehmerinnen gehört: Mehr Energie. Klarheit im Kopf. Weniger Bauch. Besserer Schlaf. Außerdem nicht selten eine innere Ruhe, die vorher gefehlt hat.
Reiscongee-Fasten: Nicht alleine, sondern gemeinsam
Du möchtest nicht alleine starten? Oder weißt noch nicht genau, wie du alles umsetzt? In meinem TCM-Fastenkurs begleite ich dich Schritt für Schritt durch das Reiscongee-Fasten. Du bekommst Rezepte, Einkaufslisten, tägliche Impulse, Bewegungs- und Meditationseinheiten – und den Austausch in einer Gemeinschaft gleichgesinnter Frauen. Hier findest du alle Infos zum TCM-Fastenkurs.
Bewegung und Entspannung nicht vergessen
Das Reiscongee-Fasten entfaltet seine volle Wirkung in Kombination mit Bewegung und Entspannung. Spazierengehen, Qi Gong, Yoga, Atemmeditation – all das unterstützt die Reinigung. Es hilft, das, was sich gelöst hat, wirklich loszulassen.
Dein Körper weiß es selbst
Was mich an der chinesischen Medizin immer wieder begeistert, ist diese fundamentale Überzeugung: Dein Körper ist nicht dein Feind. Er ist nicht kaputt. Sondern er reguliert, balanciert, kompensiert unübertrefflich, solange du ihm die Ressourcen gibst, die er dafür braucht.
Das Reiscongee-Fasten in den Dojozeiten ist eine der einfachsten Möglichkeiten, ihm genau das zu geben. Keine teuren Programme, keine radikalen Einschränkungen. Nur Reis, Wasser, Zeit und die Bereitschaft, kurz innezuhalten.
Die TCM sagt: In den Dojozeiten kannst du korrigieren, was in den letzten Monaten suboptimal gelaufen ist. Das ist eine Chance. Ich lade dich ein, diese Einladung anzunehmen – viermal im Jahr, für fünf bis sieben Tage, mit einem Topf Reiscongee und einem guten Kräutertee. Wenn du magst, gemeinsam mit mir.
Deine Mitte wird es dir danken.
Von Herzen wünsche ich dir Gesundheit!
Nina


